Hohe Lied und Hohe Zeit

Dass ich mal eine Lesung in der Kirche halten würde, habe ich mir seit meiner Jugend nicht mehr vorstellen können.

War ich als junger Mensch vertraut mit kirchlichen Messen und ihren Ritualen, bin ich doch heute kein Kirchgänger mehr, ich lebe mein Christendasein auf meine Weise aus und benötige kein Gotteshaus mehr. Das liegt aber auch daran, dass ich katholisch in einem protestantischen Bundesland lebe, meine Hauskirche aus Zeit- oder Hinkomm-Gründen nicht immer erreichen kann und sich mein Leben einfach auch geändert hat. Mein Glaube ist aber da und wach und als Christin möchte ich nicht urteilen über die böse Kirche – denn mir geht es um den Glauben und nicht um raffgierige und sexual gestörten Männer, die das alles korrumpiert haben. Ich wollte hier nicht politisch werden und das soll auch nicht politisch sein. Jesus Christus ist derjenige, der genau diese Verachteten, Geächteten, Ausgestoßenen, Fehlgelaufenen und Verstoßenen an die Hand genommen und in den Kreis seiner Kirche miteingeschlossen hat, für ihn waren alle gleich. Und das haben viele sogenannter Christen vergessen.  Ich will hier auch nicht moralisch werden. Es geht um etwas ganz Anderes. Also zurück zur Lesung.

Mein Neffe hat in diesem Jahr geheiratet und bat mich in der Kirche die Lesung zu halten. Das hat mich geehrt und froh gemacht, hatte aber weitreichende Folgen für meinen Geldbeutel. Denn wenn ich nun also in diesem Moment vor der gesamten Hochzeitsgesellschaft stehen würde, wollte ich doch angemessen gekleidet sein. Natürlich hatte ich mir bereits vorher Gedanken über mein Outfit gemacht, aber nach der Ernennung zur Lesungs-Vorlesenden noch viel mehr, denn ich wollte nicht irgendwie aussehen, sondern passend zum Anlass.

Und da fingen sie dann an, die Touren der Pakete und des Kleider- und Schuhe-Anprobierens.

Ich bin nicht wirklich für das Tragen von Kleidern bekannt und somit war da auch eine gewisse Hürde mich das zu trauen, vor allem, weil ich nicht Claudia Schiffer bin! Oder besser gesagt Heidi Klum, für diejenigen, die Claudia Schiffer nicht mehr kennen sollten. Ich wiege eindeutig zu viel für meine Größe und schaffe mich mit weiten und legeren Klamotten gut zu kleiden, sodass ich mich wohlfühle. Wie aber sollte das in einem Kleid gehen? Es ging! Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit Kleid, Schuhen mit Absätzen!, einer Stola und mit einer ausgesprochen schicken und wunderschönen Handtasche bestückt war ich bereit für diesen Anlass, zudem ich mich nun angemessen angezogen fühlte UND mich in meiner Haut wohlfühlte und mich keineswegs verkleidet fühlte.

Den Text für das Hohe Lied der Liebe schickte mir mein Neffe zu. Ich schaute in der Bibel nach und fand die Stelle im 1. Brief des Paulus an die Korinther und notierte mir den Absatz. Der Text meines Neffen war leicht abgeändert, er nahm die schweren Zungenbrecher raus und ließ den ganzen Text leichter lesen. Ich übte ein paar Mal hier zuhause und verstand den Text zunehmend mehr. Ich wollte diesen Text in der Kirche für alle gut transportieren und das konnte ich nur, wenn ich ihn in gewisser Weise verinnerlichen würde.

Das Hohe Lied der Liebe ist in Teilen wohl jedem irgendwie geläufig – man kennt Auszüge wie: sie ist langmütig, sie glaubt alles, sie gibt niemals auf – und ähnliches. Ich hatte jetzt die Chance, die Auszüge in ihrer Ganzheit aufzunehmen und es hat mir gefallen.

Während ich also dort vorne in dieser Kirche stand, auf die Menschen in den Bänken blickte und ihnen das Hohe Lied der Liebe vortrug, fühlte sich alles richtig und stimmig an. Ich sah die Gesichter auf mich gerichtet, die des Brautpaares und der Eltern, ich hörte nur mich sprechen, durch ein Mikrofon verstärkt, sodass auch die in den hinteren Reihen alles mitbekamen, in den Pausen meines Vortrages war es still und die Blicke waren immer noch auf mich gerichtet.

Im Nachhinein erhielt ich für meine Lesung viel Anerkennung. Im Pfarrgarten, in dem wir bei Sekt und Muffins auf das junge Brautpaar anstießen sagte die Kindergärtnerin der Braut zu mir, dass sie das Hohe Lied der Liebe schon sehr oft gehört hätte, aber ich hätte es auf eine Weise interpretiert, die sie noch nicht kannte und sie bedankte sich bei mir, denn sie würde nun das Hohe Lied der Liebe aus einem neuen Blickwinkel sehen. Ups, das berührte mich nun aber doch. So wie ich es mir vorgenommen hatte und vortragen wollte, war es also genau richtig gewesen. Und ein gutes hatte diese Lesung auch: Die komplette Verwandtschaft der Braut, die in der Kirche anwesend war, weiß jetzt auf jeden Fall, wer die Tante vom Bräutigam ist!

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One thought on “Hohe Lied und Hohe Zeit

  1. Das erinnert mich an die Hochzeit meines Sohnes im letzten Jahr. Ich trage NIE ein Kleid oder Rock……und es war weit über 30 Grad. Das wirklich christliche Gefühl kam bei mir leider nicht auf. Vielleicht weil ich solche GroßVeranstaltungen nicht mag. Und ich brach mit einer Tradition, ich trug schwarz, weil es das einzige Kleid war, was ich bereit war zu tragen.😁
    Liebe Grüße, Barbara

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