Montagsstück: Absolut vollkommen war dieser Moment gerade

Montagsstück heute:

 Absolut vollkommen war dieser Moment gerade

 

Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Das Licht, der Windhauch, die leichte Wärme, die von der hochstehenden Sonne ausging. Ja, es war kalt und der Atem stieg als Wolke empor, aber diese Hand in meiner Hand zu spüren, war unvergleichlich schön und die Kälte, die unsere Gesichter rot färbte, tat dieser Tatsache keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie ließ uns aneinander rücken und nah sein. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würden wir gemeinsam springen und für alle Zeiten fänden wir Ruhe vor unseren Verfolgern. Wir hatten nicht mehr viel Zeit.

Der Sprung durch die kalte Luft war im Vergleich zu dem, was uns dann erwartete, das letzte vertraute, danach tauchten wir in einen farbigen Wirbel, es wurde heiß und kalt, Gesichter, Formen, Farben, Figuren und Nebelschwaden zogen an uns vorbei. Alles wirkte verzerrt, verzogen und verschmolz mit der Umgebung. Ich spürte immer noch seine Hand in meiner Hand und das ließ mich nicht verrückt werden vor Angst. Wir fielen durch Raum und Zeit einer neuen Zukunft – unserer neuen Zukunft  – entgegen. Der alte Gnom hatte nicht zu viel versprochen, als er uns den Weg zur Bergspitze wies mit dem Hinweis, genau von der Kante des Blausee-Ausblicks zu springen. Von dort und nur von dort würde es einen Weg für die beiden in die Freiheit geben. Die Kante des Blausee-Ausblicks nämlich sei der Eingang nach Blak Albe, dem Land zwischen den Bergen. Er gab uns einen Beutel mit, den wir bei unserer  Ankunft dort brauchen würden und wünschte uns viel Glück.

„Da sind sie! Sie sind angekommen.“ Immer noch spürte ich seine Hand, als die Menschenmenge auf uns zukam. Wir standen auf und gingen der Gruppe entgegen. „Hier, das hat er uns mitgegeben“, er hielt den Beutel des Gnoms hoch und ein Raunen ging durch die Menge. „Willkommen und seid gegrüßt. Folgt mir, ich zeige euch euer neues Zuhause.“

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Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Er schaute sie mit diesem unvergleichlichen Blick an, der jedes Herz zum Erweichen brachte. „Bitte, bitte tu es nur noch einmal für mich, bitte!“ Er kniete vor ihr nieder und sah sie erneut flehend an. „Na gut“, sagte sie sehr leise. Sie griff nach der Box auf dem Tisch und ging Richtung Tür. „Na, dann komm schon, es ist ja schon fast dunkel draußen“.  Sie eilten den düsteren Flur entlang und stiegen die Treppen zum Dach empor. Die Kälte, die ihnen von draußen entgegen kam, als sie die Tür öffneten, nahm ihnen für einen kurzen Augenblick den Atem. Sie gingen bis zur Mitte des Daches und setzen sich neben den Taubenschlag. Die aufgeschreckten Tiere wirbelten Federnstaub auf, den der leichte Wind übers Dach hinweg zum Fluss wehte. Sie setzten sich nebeneinander  auf die Bank und dann öffnete sie die Box, als plötzlich, wie aus dem Nichts ein Schatten hervortrat und auf sie zukam „Was macht ihr hier?“

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Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Sie liebte ihn. Und er liebte sie. Nur das zählte. Sollte doch alles über ihnen zusammenbrechen, sie hatten ja sich. Was auch immer passiert, sie waren zusammen und das gab ihnen beide Halt vor dem, was dort unten auf sie wartete. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, schaute ihr tief in die Augen und küsste sie erst auf die Stirn, dann auf beide Augen und danach auf ihre Lippen. Für einen kurzen Moment stand die Zeit still. Nach dem Kuss öffneten beide die Augen und sahen sich an. „Gehen wir.“

Noch ein paar Stufen, dann traten sie vor die Eingangstür und wurden von einem Blitzlichtgewitter und lauten Fragen der Journalisten überschüttet.

Sie standen einfach da und ließen sich fotografieren, die Fragen prallten an ihnen ab, sie standen und schwiegen, bis auch die letzte Kamera verstummte und Ruhe in die gesamte Reportergemeinde einkehrte.

„Ich möchte etwas sagen.“ Ein Raunen, er trat vor und sah in die Runde der erwartungsvollen Blicke ihm gegenüber. „Ja, ich habe ihn getötet. Und sie, “ damit schaute er zur Seite, nahm sie an die Hand und zog sie nahe an sich heran, „und sie ist die Liebe meines Lebens.“ Vereinzelte Blitzlichter, aber immer noch Ruhe von Seiten der Journalisten. „Wir haben die Polizei bereits benachrichtigt. Wenn sie also die Freundlichkeit haben möchten, mit uns gemeinsam zu warten? Wir beantworten aber keine Fragen, sie werden aber alles erfahren, das verspreche ich ihnen. Nur so viel: ein Mord ist nicht immer ein Mord.“ Im Hintergrund hörte man die Polizeisirenen, Passanten hatten einen großen Halbkreis um den Hauseingang gebildet. Er wand sich zu ihr und sie küssten sich.

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Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Warum nur hatten sie so lange gezögert. So leicht war es und doch brauchte sie eine Ewigkeit sich hierfür zu entscheiden. Aber vermutlich ist das so im Leben, es gibt immer nur diesen einen richtigen Augenblick, um etwas zu tun. Vorher passt es einfach nicht. Aber heute,  heute passte es. Sie hielt noch immer den Hörer in ihrer Hand, obwohl das Telefongespräch bereits beendet war. Die Hand hielt den Hörer nun locker, sie erinnerte sich, dass zu Beginn des Gespräches die Fingerknöchel weiß hervorstachen,  so fest hatte sie ihn umklammert, aber jetzt, in diesem Moment des Vorbeiseins, des endgültig Entschiedenen, jetzt schmiegten sich die Hände und die Finger, warm geworden von der Länge des Gespräches, leicht um den Hörer herum. Sie legte ihn auf die Gabel und schaute ihre Tochter an, die mit großen Augen auf ihre Mutter blickte. „So, das war’s. Lass und packen, mein Mädchen.“

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Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Sein Herz schlug, Nico kniete sich vor Bill hin und sah ihm fest in die Augen. Einen besseren Augenblick als diesen, würde es so schnell nicht geben können, also nahm er nun all seinen Mut zusammen und fragte Bill, ob er ihn heiraten wolle. Es war zwar nicht die beste Location, aber egal, hier war dieser eine Moment. Bill sah auf die blaue Tischdecke, dann auf den vor ihm knienden Nico. Eine Träne lief ihm übers Gesicht, aber seine Augen strahlten. „Ja“. Zwar kaum hörbar, weil die Stimme vor Rührung fast versagte. Nico legte seinen Kopf auf Bills Knie, „danke“. Nico war so berauscht, hatte er noch vor dem gemeinsamen Essen nicht daran geglaubt, dass sie überhaupt ein Paar bleiben würden, klärte ihn der Satz vorhin von Bill komplett auf. Sie plauderten über dies und das, auch darüber, dass diese Nudeln auf ihren Tellern alles andere als al dente waren, aber sie lachten und tranken den süßen Wein und erzählten von diesem und jenem. Von der vielen Arbeit und den lauten und vorwitzigen Nachbarn und dann kam dieser Satz: „Weißt du, ich könnte mir wirklich niemanden anderen neben mir vorstellen als dich, um durch dieses anstrengende Leben zu gehen.“ Nico schmolz dahin und glitt vom Stuhl auf die Knie.

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Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Niemand würde ihn dabei stören. Keiner würde ihn sehen oder hören. Ein perfekter Abend für diese Tat. Viele Wochen hatte er für diese Arbeit gebraucht, alles auszukundschaften. Mehrere Wagen hatte er sich „ausleihen“ müssen, damit er nicht auffiel in dieser Straße, in der es eine vermeintlich gute Nachbarschaft gab und wo jeder auf jeden aufpasste – oder besser gesagt, wo jeder über jeden Bescheid wusste, weil sie alle gegenseitig auf sich aufpassten bzw. sich überwachten. Er hatte so viele Täuschungen gesehen, gehört und in den Abgrund der Nachbarn geschaut. Aber das tat hier nichts zur Sache. Vielleicht konnte er dieses Wissen einmal an anderer Stelle nutzen können. Er war vorbereitet und ließ das leise Klicken der Terrassentür erklingen. Nichts. Nur Dunkelheit und Stille. Er wusste dass der Nachbar zur linken mit seiner Mutter auf einer Geburtstagsfeier einer Cousine war. Sie würden dort übernachten, weil die Mutter trank und der Junge noch immer keinen Führerschein hatte, mit 51 wohlgemerkt. Die Nachbarn zur rechten schliefen bereits. Sie gingen jeden Abend um 21.30 Uhr zu Bett. Sie nahmen beide Schlaftabletten ein, weil ihre Kriegserlebnisse sie vom Schlafen abhielt. Die Kinder waren beide schon tot. Sie lebten nach einem bestimmten Schema und das hielten sie seit Monaten strikt ein. Er stand nun im Gartenzimmer, so nannten es seine Bewohner, und er bewunderte das Foto an der Wand. Wegen der ganzen Pflanzen hier im Raum, leuchteten hier tags wie nachts Tageslichtlampen, wenn auch nachts etwas abgedimmt. Er hatte das Bild zwar schon viele Male gesehen, aber so groß und imposant an der Wand, wirkte es nochmal mehr. Es war ein großformatiges Foto des „Lone tree of lake Wanaka“.  Imposant in seiner Einzigartigkeit vor traumhafter Kulisse. Er mochte dieses Foto. Nach diesem Job würde er genau dorthin gehen, was war gewiss. Denn diesen Anblick wollte er live erleben. Er ging weiter durch das Zimmer und streifte dabei über die Blätter von Fensterbaum, Chinesischem Geldbaum und Strahlenaralie. Und dann war er im Schreibzimmer, so nannten es seine Bewohner, weil sich hier alles, was man zum Schreiben benötigt, vorfindet. Jede Menge Papier, Schreibmaschinen, Computer, Laptops, Bleistifte, Oktavhefte, Zeichenblocks, Füllfederhalter, Druckerpatronen, Kugelschreiber, Notizblöcke, Minen und viele, viele gefüllte Ordner. An der Wand hing Gekritzeltes, Gemaltes, Haftnotizen in allen Farben, eine Pinnwand mit Postkarten und einer bunten Vielzahl von Gutscheinen. Er ging zielstrebig auf den Bücherschrank zu, in dessen Mitte sich ein offenes Regal mit einem versteckten Tresor befand. Er war am Ziel seiner langen Bemühungen angekommen…

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Absolut vollkommen war dieser Moment gerade. Sie sah in den Himmel, lauschte den Maschinengeräuschen und wusste, dass alles gut gehen würde. Nicht zum ersten Mal  war es ihr passiert, dass sie wochenlang total eingeschneit auf den Schneepflug warten musste. Sie nutzte dann diese Zeit für alle die Dinge, die doch immer wieder liegen bleiben und auf einen anderen Zeitraum verschoben wurden, wie z. B. das Loch im Hundespielzeug flicken, damit es bis zum nächsten „Woll-Fest“, wie sie es nannte, von ihrem Mischlingsrüden bespielt werden konnte, um dann wieder in der Nähkiste zu landen, nachdem aller Inhalt, die weiße Wolle nämlich, herausquoll. Oder die Glühlampen auswechseln, Batterien austauschen, den Fleck an der Wand übermalen, die Briefpost sortieren usw. Die Zeit verging dann langsamer als sonst, sie brauchte nicht so viel Schlaf, da sie keiner schweren körperlichen Arbeit nachging und nicht so erschöpft war, wie zur Sommerszeit. Aber sie schlief trotzdem viel, auch gerne über Mittag, nach dem Essen, dass sie sich immer gleich für 2 Tage zubereitete. Sie trat mit einer Tasse Tee auf dem Balkon und sah in die Ferne. Sie kamen! Die Schneepflüge kamen zu ihr hoch und das war heute das wunderbarste Geräusch am Morgen.

© Barbalapapp 2019

 

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