Montagsstück: Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr

Montagsstück heute:

Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr

 

Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr. Jedenfalls zeigte sein Navi diese Zeit seit einer geraumen Stunde an. Die Tankanzeige bedeutete ihm bald an der nächsten Raststätte einen Boxenstopp einzulegen.  Der Radiosender meldete leichten Regen mit Temperaturen um die 15 Grad an. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, es würde dunkel sein, wenn er bei ihr einträfe. Er schnappte sich die Wasserflasche und nahm einen großen Schluck, hier könnte er auch etwas Nachschub gebrauchen. Die Kekspackung auf dem Beifahrersitz war komplett leer, die waren auch ausgesprochen lecker gewesen, sollte er sich mal wieder kaufen. Gerade lief ein Song von Michigan, er mochte diesen Song, er war vielleicht etwas traurig, aber er hörte sich hoffnungsvoll an. Das brachte ihn zurück zu ihr. Wie würde sie reagieren, wenn er sie so einfach besuchen würde. Was, wenn sie ihn wieder wegschickte. So viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Aber er musste es tun, er wusste, dass es richtig war…

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Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr. Wenn es dann mal auch keine Verspätungen geben wird. Es gab nämlich immer Verspätungen. Nicht einmal hatte er es erlebt, dass die Bahn pünktlich war. Immer stand er im Regen, in der Kälte oder im kalten Wind, wenn er am Bahnsteig auf sie wartete. Das waren dann auch schon mal 2 Stunden. Und er hasste das. Der Warteraum war genauso kalt und ungemütlich, da konnte er besser am Bahnsteig in einer nicht so zugigen Ecke stehen. Um diese Zeit waren noch einige Pendler unterwegs. Niemand lächelte, alle wirkten sie angestrengt, missmutig und müde. Er wirkte zwischen ihnen mit seinem fetten Rosenstrauch etwas deplatziert, fand er. Frauen lächelten ihn meisten an, wenn sie ihn sahen und dachten dann wohl an die Frau, die er gleich in seinem Arm halten würde. Und vielleicht dachten sie auch daran, dass sie sich das für sich auch wünschten… Die Männer gafften ihn auch an, lächelten aber nicht. Die hatten dann ganz andere Filme im Kopf. So was wie – oh Gott der Arme, wenn der mal erst in festen Händen ist, dann vergeht ihm das ganz schnell mit den Rosen – oder – ach, wozu die Blumen, alles Verschwendung…  Er wusste, dass sie Rosen mochte und er freute sich daran ihr welche zu schenken. Sie freute sich auch immer darüber, sie nahm sie sogar mit zurück in die große Stadt! Immerhin hielten sie sich bei guter Pflege mindestens 1 Woche, da lohnte es sich schon, obgleich er das auch irgendwie komisch fand. Aber egal. Er fror sich hier echt den Arsch ab, und der linke Arm war kalt und steif vom Halten der Blumen, aber was machte all das gegen die Tatsache, dass SIE bald in seinen Armen liegen würde…

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Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr. Die Anzeige versprach eine leicht verspätete Ankunft des Fluges, was nicht wirklich ein Problem war. Das Problem war durch den Zoll zu kommen und es war zu hoffen, dass es diesmal klappen würde, wenn nicht, wären sie beide ihren Job los.

Sie spielten seit Jahren dieses riskante Spiel, aber der Nervenkitzel hatte seinen Reiz bisher nicht verloren.  Und der Gewinn war exorbitant. Sie lebten das Leben, was sie sich beide von Jugend an vorgestellt hatten. Keiner von beiden wollte das missen und dafür riskierten sie sehr viel. Eddo war schon immer der Clevere von ihnen gewesen, er hatte eine Nase für solche Sachen, zu wissen, wer Interesse an was hat, er hat es beschafft und sich gut entlohnen lassen. Er hatte dieses Spiel bis in die Welt der Reichen transformiert, perfekt angepasst und sich ein riesiges Netzwerk auf der ganzen Welt aufgebaut.  Aber gerade bei diesem Auftrag wurde es das erste Mal kompliziert. Diese Reise war nun der 2. Versuch einen äußerst wertvollen Gegenstand aus Asien nach Europa zu bringen und diesmal sollte es gelingen…

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Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr. Der Bus würde pünktlich sein und die Aufregung stieg. Große Augenpaare schauten aus großen Fenstern und leuchteten beim Anblick des weiten Sees, der sich vor ihnen zu erstrecken begann. Der Bus fuhr auf der holprigen Straße langsam, so konnten sie alle die Hütten am See sehen. Dort würden sie für die nächsten Wochen unterkommen. Das war kein schlechter Ort, um sich zu verstecken. Es war Herbst, die Reisezeit in dieser Gegend neigte sich ihrem Ende zu, vielerorts standen Schilder mit dem Hinweis, dass die Saison zu Ende sei und man sich freue, sich im neuen Jahr wiederzusehen. Dass nun eine Gruppe mit 4 Paaren hier am See länger Urlaub machen wollte, war nicht unbedingt ungewöhnlich, gab es doch viele Rentner, die ihren eigenen Herbst gerne in unberührter Natur in Ruhe und ohne das ganze Tourismus-Tamtam bevorzugten. Bertram hatte diesen Ort sehr sorgfältig ausgewählt. Von hier konnte man von einem kleinen Yachthafen aus schnell ins benachbarte Skandinavien kommen.  Und ein Flughafen in der Nähe bot kleine Chartermaschinen an, die auf Ansage Kurzflüge anboten, der Zielort war da eher eine Frage des Preises. Wie lange sie hier verweilen würden, hinge von einem einzelnen Mann ab, der über ihr Wohl und Wehe entschied. Sie aber wollten lieber frei sein und bleiben, als sich diesem übermächtigen Gegner unterzuordnen. Wenn es sein musste, würden sie gemeinsam fliehen und es war dabei noch nicht klar, wohin sie ihre Reise führen würde…

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Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr. Wenn der Zug pünktlich wäre, würde sie den Anschluss schaffen, würden sie den Anschluss schaffen, wäre sie in Freiheit. So viele Wenn’s und Abers, hier half noch nicht einmal mehr beten, wenn sie das überhaupt je getan hätte. Gott war für sie so weit weg, wie sie nun mit diesem Anschlusszug weit weg von ihm käme. Ein neues Leben in einer neuen Stadt, ja sogar in einem neuen Land. Weit, sehr weit weg von seinen Fängen. Das hoffte sie jedenfalls.

Sie saß nun schon gute 8 Stunden in diesem Zug und freute sich auf etwas Bewegung, sollte sie ruhig schnell sein müssen,  um ihren Anschlusszug zu bekommen, sie würde laufen, sie würde rennen. Sie reiste mit leichtem Gepäck, nicht viel war ihr geblieben, aber die Aussicht auf freie Luft zum Atmen machte es wett, auch lieb gewonnene Dinge zurückgelassen haben zu müssen.

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„Voraussichtliche Ankunftszeit 18.47 Uhr? Soll das ein Witz sein? Sind wir schon wieder so spät dran?“ Sie kriegte sich kaum wieder ein, als sie die Zeit auf dem Navi endlich entziffert hatte. „Wieso schaffen wir es nicht einmal pünktlich zu sein? Immer wieder dasselbe Dilemma mit dir, du wirst nicht fertig und fertig…“, ich unterbrach sie, doch sie wetterte weiter. „Dass ein Mann so lange benötigt, um sich für einen kleinen gesellschaftlichen Austausch fertig zu machen. Wir fahren ja nicht zur Queen, oder?“ Sie prustete weiter und ließ sich wieder und wieder nicht von mir abhalten mir zuzuhören. „Wenn ich fertig bin, dauert es noch bei dir, dann warte ich eben auf dich – was ja in den seltensten Fällen vorkommt. Wenn du fertig bist und es noch bei mir dauert, wartest du nie! Niemals auch nur einmal hast du je auf mich gewartet. Es endet immer wieder damit, dass ich auf dich warten muss. Da wie letztens. Du hast noch mal eben schnell ein Glas Milch getrunken und Kekse gegessen, weil man ja bei den Beckers nichts Ordentliches zu Essen bekommt und was ist passiert. Einer dieser tief mit Milch durchtränkten Kekse ist dir erst auf die Anzugjacke und dann auf die Hose gefallen und was war das Ende vom Lied? Du musstest dich umziehen! Und wieder musste ich warten, hrrrrh.“ Ein Wink von mir, ein Räuspern, ein ins Wort fallen, es half alles nichts, sie ließ sich nicht unterbrechen. Also hielt ich an der nächsten Möglichkeit an, was sie tatsächlich zum Schweigen brachte, aber nicht lange eine Schwall von Fragen auf mich niederprasseln ließ, warum ich anhalte und gerade hier usw. usw. usw. Wenn ich sie nicht so lieben würde, keine Ahnung, ob man das sonst aushalten würde… „ Gunda“, ich versuchte es erneut. Auf ihren Vornamen schien sie auch zu reagieren. „Ja, was ist denn, willst du noch viel mehr zu spät kommen?“ „Gunda, wir werden nicht zu spät kommen. Wir werden genau pünktlich sein.“ „Wieso? Das Navi sagt doch eindeutig..,“ diesmal würgte ich sie ab… „ das Navi ist noch nicht richtig eingestellt, du weißt doch Sommerzeit/Winterzeit? Uhrumstellung?“ Sie bekam ein langes Gesicht und blickte mich erstaunt an. „Dieses Navi ist uralt und nicht digital vernetzt, die Uhrzeit muss man manuell einstellen. Und das habe ich noch nicht gemacht. Wir werden auf alle Fälle pünktlich sein, meine Liebe!“ Ich fuhr wieder los und sie saß immer noch mit offenem Mund neben mir. Ich hatte sie für einen kurzen Moment sprachlos gemacht…

 

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