Montagsstück: Wenigstens hörte es auf zu regnen

Montagsstück heute:

Wenigstens hörte es auf zu regnen

 

Wenigstens hörte es auf zu regnen. Sie zog sich ihren Mantel trotzdem etwas enger um ihren Körper, sie fror, obgleich die Sommersonnenstrahlen gerade die letzten Wolkenzipfel durchbrachen. Wie hatte es sie hierher verschlagen. Hier war keine Menschenseele, sie war allein. Das glaubte sie zumindest. Die nächtlichen Geräusche machten ihr aber nur insofern Sorge, als dass am nächsten Morgen Dinge, von denen sie wusste, dass sie an einem anderen Platz gelegen hatten, plötzlich ganz woanders im Haus aufgefunden wurden. Sie hatte noch keine Ahnung, wer oder was sich mit ihr in diesem alten Gemäuer herumtrieb, aber es schauderte ihr bei dem Gedanken. Nichtsdestotrotz musste sie versuchen hier klar Schiff zu machen, damit sie diese Immobilie so schnell wie möglich loswerden konnte. Wo nur war ihr verdammter Autoschlüssel geblieben? Sie ging aus der Terrassentür nach draußen. Über das feuchte Gras ging sie um das Haus herum und wagte einen Blick auf ihr Auto. Sie hatte vergessen das Dachfenster ihres Wagens zu schließen, als sie so halsüberkopf hierher aufgebrochen war. Jetzt hatte sie die Bescherung und eine kleine Überschwemmung in ihrem kleinen Combi und keinen Schlüssel! „Suchen Sie den?“….

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Wenigstens hörte es auf zu regnen. Weit konnten sie noch nicht gekommen sein. Vermutlich fanden sie Unterschlupf in irgendeiner Berghütte weit oben am Hang. Aber er wusste es nicht und er wurde langsam unruhig. Auch keine Nachricht. Gut, hier war der Empfang recht schlecht,  aber ab und zu kam eine SMS durch. Aber nun seit Stunden nicht – und er wusste, sie hätten sich gemeldet. Er konnte nur darauf hoffen, dass sie vor Einbruch der Dunkelheit entweder zurück waren oder eben eine Unterkunft auf ihrem Weg gefunden haben. Wenn nicht, dann würde es ihren Tod bedeuten, denn da draußen war man nicht sicher…

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Wenigstens hörte es auf zu regnen. Dann könnten sie ja jetzt endlich weitergehen und diesem Ausflug ein Ende bereiten. Nicht nur, dass ihre Schuhe bereits völlig durchnässt und voller Matsch waren, auch die Haare fielen ihr in feuchten Strähnen ins Gesicht. Ganz abgesehen von dem Rest der Kleidung, die an ihr klebt. Sie fror und wünschte sich ein heißes Bad herbei – aber alleine! Jeden Schritt, den sie noch gehen musste, würde sie ihn noch mehr dafür hassen.

Sie stapfte hinter ihm her in Richtung Auto und verfluchte jede Pfütze, jeden Ast auf dem Weg, ja sie gab ein lautes Grunzen von sich, wenn eines der Tiere sich aus ihrem Dickicht wagten, um zu schauen, was da so einen Lärm machte.

Was hatte er sich dabei gedacht? Sollte das etwa die tolle Überraschung gewesen sein? Das war ein Witz! Wie konnte er es wagen sie DORT hinzuführen. Bereits am Morgen, als sie das Schild sah, wollte sie bereits umkehren. Er wusste genau, dass sie Tierparks nicht ausstehen konnte….

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Wenigstens hörte es auf zu regnen. Dann würde der Geburtstag nun doch noch schön werden. Sie würde die durchhängenden Dächer der Zelte mit einem Besen vom Wasser befreien, dann alle Tische und Bänke abwischen und trocknen. Die Blumen, die vom Wind etwas verwehrt waren, erneut arrangieren, dann das Geschirr herbeiholen, die Gläser bereitstellen, die Getränke kühlen…. Ja, sie war voller Vorfreude und ging in ihren Vorbereitungen auf, stellte hier Strohhalme hin, legte dort Servietten ab, wischte hier Krümel weg und deckte den Tisch für das Buffet mit einer grünen Tischdecke ab. Sie fegte beschwingt den Hauseingang, streichelte den Hund, blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, wirbelte mit dem Besteck herum und platzierte es neben den Tellern,  schnitt Baguette Brot auf, legte letzte Hand am Kuchen an, den sie gerade aus dem Ofen gefischt hatte und schloss die Speisekammertür, als er gerade in diesem Augenblick die Küche betrat! Ihr Herz ging auf, er war gekommen…

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