Montagsstücke – Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf…

Montagsstück heute:

 

 Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf, der traumlos durch die Nacht führte

und sie am Morgen immer noch leicht beflügelte.

 

Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf, der traumlos durch die Nacht führte und sie am Morgen immer noch leicht beflügelte. Sie stand leicht beschwingt auf und lief mit nackten Füßen über die kalten Fliesen hinüber zu ihrem Schreibtisch. Dort lag der Brief, der ihr nun so viel Freiheit versprach. Sie hatten nicht zu viel versprochen und wirklich das Flugticket mitgeschickt. Und es würde bereits in 1 Woche losgehen. Sie hatte noch jede Menge zu erledigen. Warum ausgerechnet sie ausgesucht wurde und den Zuschlag erhalten hatte, blieb ihr ein Rätsel, hatte sie das Casting doch komplett vergeigt. Sie selbst fand sich gar nicht so übel, sie konnte den Text auswendig, auch wenn sie ihn nicht wirklich verstand, aber der Typ, der spielte sie so schlecht an, da konnte sie nicht verliebt gucken oder schmachtend in seine blauen Augen schauen. Sie tat ihr Bestes, aber das Gefühl, nach dieser Szene von der Bühne zu verschwinden mit dem Hinweis „Wir melden uns bei dir“, war dann doch alles andere als gut. Aber egal, sie würde es einfach immer weiter probieren und sich keinen Kopf machen. Das sich der Regisseur für sie entschieden hatte, grenzte an ein Wunder, aber auch das machte ihr keine Sorgen, sie hatte Bock auf diesen Film und wollte sich dort selbst etwas beweisen…

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Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf, der traumlos durch die Nacht führte und sie am Morgen immer noch leicht beflügelte. Ein Blick zur Seite ließ ihr Herz höher schlagen. Dort lag er und machte keinen Mucks mehr.

Es war schwer, den richtigen Mann zu finden. Dieser hier war es jedenfalls auch nicht. Das erste von 3 K.o.-Kriterien, die sie in Bezug auf Kerle für sich aufgestellt hatte, war schon in der Bar erfüllt worden, er hatte sich verspätet und entschuldigte sich noch nicht einmal dafür. Der 2. Fehler unterlief ihm, als er ihr lang und breit und total langweilig von seiner Arbeit als Work-Balance-Coach erzählte. Sie mochte seine Augen und sein Lächeln, aber die meisten Worte aus seinem Mund waren nur Selbstbeweihräucherung beim Herbeiführen von Irgendjemandes Lebenswunschveränderung. Sie berührten sich oft und seine Hände fühlten sich warm und weich an. Auch das mochte sie und deshalb willigte sie ein, mit ihm auf sein Zimmer zu gehen. Es wurde wild und schmutzig, aber es machte einfach unheimlich viel Spaß mit ihm, die Gäste auf der Etage jedenfalls würden Anteil daran haben. Erschöpft sanken sie beide auf das zerwühlte Bett, er drehte sich von ihr weg und schlief ein. Vermutlich würden auch hier die Leute in der Bar nur eine schemenhafte Beschreibung der Begleiterin geben können. Bis sie ihn finden, war sie bereits verschwunden, und er würde nun für immer schlafen…

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Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf, der traumlos durch die Nacht führte und sie am Morgen immer noch leicht beflügelte. Richtige Entscheidungen zu treffen, machen mich glücklich, dachte sie. Sie wand sich in ihrem Bett und blickte auf das Fenster mit freiem Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile. Sie würde jetzt aufstehen und diesen Raum für immer verlassen. Das war einfach wunderbar! Schnell waren die wenigen Habseligkeiten in der ledernen Tasche verstaut, da griff sie zu ihrem Telefon. Eine letzte Textnachricht musste sie noch losschicken, dann würde sie das Telefon zerstören. „Danke für alles, Sie finden mich, Sie wissen schon wo. GLG Susa“. Auf dem Tisch stand der grüne zylinderförmige Gegenstand, der sie hier fortbringen würde. Sie nahm ihn in die Hände und mit einem wirbelnden hellroten Rauch war sie verschwunden …

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Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf, der traumlos durch die Nacht führte und sie am Morgen immer noch leicht beflügelte. Die Sonne schien durch die blassgrünen Vorhänge und zauberte mit dem Wind Licht und Schatten an die Wand. Nach einem ausgiebigen Räkeln, Gähnen und Strecken erhob sie sich aus dem großen Bett und ging leichtfüßig ins Bad. Sie fühlte sich einfach traumhaft, so leicht, so beschwingt, so ruhig. Sie schaute auf das Regal am Spiegel und fand ihre Zahnbürste nicht, wo war ihre Zahnbürste? Sie blickte sich um. Es fand sich ein großes kariertes Hemd, das eindeutig nicht ihres war. Daneben lagen Socken, eine Hose, eine Weste und ein Sakko. Beim Umdrehen fiel ihr Blick erneut in den Spiegel und sie blickte in ein fragendes Gesicht, das sich immer mehr und voller Abscheu die eigenen blutigen Hände ansah…

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Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf, der traumlos durch die Nacht führte und sie am Morgen immer noch leicht beflügelte. Der Morgen schien ihr so unendlich hell und frisch. Sie stand auf und ging direkt auf die Tür zu. Sie sah die weiter Landschaft durch sie hindurch. Sie trat heraus und atmete die frische Morgenluft ein, die noch etwas kühl war, ein leichter Wind wehte und brachte ebenfalls Kühle mit. Sie stand am Geländer gelehnt, den Blick gen Himmel gerichtet, die Arme ausgebreitet und tief einatmend. Einfach herrlich. Diese Busfahrt über die Serpentinen mit steilen Abhängen und keinerlei Begrenzung ließ sie nicht nur einmal die Augen verschließen und ein Stoßgebet formulieren. Es war warm und staubig gewesen, die Leute im Bus sprachen furchtbar laut und wild durcheinander, sie verstand kein einziges Wort. Zwischendurch war sie tatsächlich ein paar Mal eingenickt, um dann durch ein holpriges Rumpeln wieder aufgeschreckt zu erwachen. Die windige Straße hörte auf super kurvig zu sein, die rauhe Wildnis und Natur gab ein wenig Zivilisation preis. Der Fahrer rief laut „Port de Sa Calobra“ und wusste, dass sie angekommen war…

© Barbalapapp 2019

 

MONTAGSSTÜCKE … sind ein Anfang.

Ein Satz und seine vielen Möglichkeiten.

Eine Mitmachreihe auf BARBALAPAPP

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3 thoughts on “Montagsstücke – Befreit fiel sie in einen tiefen Schlaf…

    1. Lieber Rüdiger,
      das ist ‘ne klasse Geschichte geworden. Ich habe immer noch das Gefühl mit dabei gewesen zu sein.
      Viele feine Details, einfach schön. Danke.
      Und das schöne ist, auch hier bleiben noch ein paar Fragen offen, wie wird es weitergehen?
      Gruß und Danke für’s Mitmachen!
      Barbara

      1. Vielen Danke, es schmeichelt mir sehr. Ich hätte schon noch Lust was draus zu machen, ich wart mal ab ob es mich nochmal trifft. 🙂

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