NOCHMAL – Die zerbrochene Tasse

NOCHMAL veröffentlich zwar schon ältere, aber interessante Beiträge aus meinen vormaligen Blogs.

Ein bunter Mix aus Mitmachaktionen und eigenen Texten. Viel Spaß!

 

(2017)

Die zerbrochene Tasse

Luisa saß mit ihrer Cousine Greta im Wintergarten des alten Hauses ihrer gemeinsamen Tante Blues, die vor 2 Wochen bei dem Versuch, einen neuen Duschvorhang anzubringen, tödlich verunglückt war und an deren Leichenschmaus sie gerade teilnahmen.

Sie kannten ihre Tante nur trübsinnig, und auch ihre Mütter berichteten, dass ihre Schwester Dolores schon als junge Frau einfach immer nur traurig war und deshalb wurde sie allenthalben Tante Blues genannt.

Luisa und Greta nippten beide schweigend an ihrer Tasse Kaffee und staunten nicht schlecht über die Äußerungen eines älteren Herrn, der den Schwestern der Verstorbenen erzählte, wie sich er  und Tante Blues,  vor wenigen Monaten nach Jahrzehnten wiedergetroffen hatten. Er berichtete darüber, wie groß die Freude war, sich nach alle den Jahren wieder zu sehen und erzählte von  gemeinsamen Ausflügen und Erlebnissen, sogar von Frühlingsgefühlen und von Plänen, die nun durch den plötzlichen Tod von Tante Blues zerschlagen worden waren.

Luisa beobachtete die kleine Gruppe rund um den alten Herrn im Kreise der Schwester und einigen Nachbarn der Tante, die alle gespannt ihre Tassen in Händen haltend an den Lippen des Erzählers hingen, bis ihr Blick abrupt bei dem veränderten Gesichtsausdruck ihrer Mutter hängen blieb, der eine Art Entsetzen auszudrücken vermochte.

Sie hörte weiter, wie der Fremde berichtete, das er vor über 50 Jahren seine Heimat aufgrund eines Streits mit dem Vater von Tante Blues verlassen musste und gleichzeitig sah sie, wie ihre Mutter leichenblass wurde. Auf Nachfrage eines Nachbarn, was denn den Streit ausgelöst hätte, sprach der Mann ruhig und langsam, dass er sich damals durch üble Nachrede für falsche Anschuldigungen hatte rechtfertigen müssen, deren Verursacher leider nie  gefunden wurde. Er habe Dolores geliebt, sie wollten heiraten, aber der Vater gab nicht nach und glaubte ihm nicht, dass er nur ehrbare Absichten hatte. Er ging also fort und hatte Tante Dolores nie mehr wieder gesehen, bis eben vor einigen Monaten in der Stadt auf dem Parkplatz vor dem Ärztehaus.

Das Geräusch einer heruntergefallenen Tasse auf dem Fliesenboden des Wintergartens schreckte die kleine Gesprächsrunde auf und alle starrten auf Luisas Mutter, die ihr Gesicht in ihren Händen verbarg und schluchzte: „Das hab ich nicht gewollt.“ 

 

Diese Kurzgeschichte habe ich im Rahmen der inzwischen gut bekannten abc-etüden von Christiane geschrieben.

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