NOCHMAL – Nicht-Mutter-sein

NOCHMAL veröffentlich zwar schon ältere, aber interessante Beiträge aus meinen vormaligen Blogs.

Ein bunter Mix aus Mitmachaktionen und eigenen Texten.

 

Bei Tante Tex gab es mal den Story-Samstag, an dem ich einige Male teilnahm. Es gab immer bestimmte Themen und wer wollte, konnte dazu einen Text, ein Gedicht, eine Geschichte, ein Foto oder was auch immer veröffentlichen.

Im Sommer 2017 gab es das Thema Mutter.

Mein erster Gedanke war, kein Thema für mich, da ich ja keine Mutter bin. Ich habe zwar eine, aber über die mochte ich nicht schreiben. Somit war das Thema fast erledigt, als ich mich daran erinnerte, dass beim Thema Lauschen eine Teilnehmerin über das Nicht-Lauschen geschrieben hatte. Und so kam dann die Idee auf, dass ich übers Nicht-Mutter sein etwas zu Papier bringen könnte. Und das ist im Folgenden zu lesen. Es ist leider nicht lustig, aber für mich sehr wichtig gewesen, das mal alles niederzuschreiben. DANKE.

Falls sich hier Menschen wiederfinden, die ich nicht sehr freundlich bedacht habe, bitte ich um Nachsicht, ist dies doch meine ganz persönliche Wahrnehmung der Situation und die Darstellung meine eigenen Gefühle diesen Umstand betreffend.

 

 

Mutter?!

Vergangen Sonntag sah ich eine junge Familie, eine taffe Mutter von 4 Kindern und ihren Mann. Beide keine besonders großen Menschen, aber mit einem guten Geschmack für lockere Klamotten. Kinder wie Orgelpfeifen im Alter von ca. 6,4,2 und 0 saß in der Bauchtasche an Mamas Brust. So oder ähnlich hatte ich mir das damals auch für mich vorgestellt. Dass es anders kommen würde, konnte ich ja noch nicht ahnen.

Meine Freundinnen aus der Jugendzeit hatten fast alle bereits Kinder, ich beäugte das aus der Ferne, bin ich doch in den hohen Norden gezogen, weit weg von der katholischen Mosel.

Ich erfuhr, dass die Eine dank des Stillens ihre Pfunde sogleich losgeworden war und ich fand, das sei auch für mich eine gute Option. Über eine andere erfuhr ich, dass sie sich nach der Geburt vom Kindsvater getrennt hatte, erstmal keine Option für mich. Die Dritte war auf dem Weg zu Kind 3 und ging darin wohl auf. Ich war bisher leer ausgegangen, mangels Partner und auch Wunsch.

Mit 36 Jahren dann erfuhr ich, dass ich keine Kinder haben kann und werde. „Tubare Sterilität“ nennt sich das und ist ein Freibrief für 3 künstliche Befruchtungen.

 

Was macht das mit einem? Wie fühlt sich das an?

Ausgehend von einer seit 6 Jahren bestehenden Beziehung, die sich gerne zu einer Familie vergrößert hätte, traf es mich wie einen Donnerschlag.

Alles wurde in Frage gestellt.

Frau sein, Partnerin sein, Mensch sein.

Überall nahm ich nur noch schwangere Frauen und Mütter mit ihren Neugeborenen wahr. Beim Frauenarzt saßen außer mir nur Frauen in unterschiedlichen Hoffnungsmonaten. Das war kaum auszuhalten. Innerhalb der Familie gab es Nachwuchs und eine Tante verstand nicht, warum ich mir nicht ihr achtes Enkelkind anschauen wollte.

Ich konnte nicht! Ich konnte es einfach nicht!

Es ging nicht, es ging einfach nicht!

 

Das alles ist ein langer Weg!

Es brauchte Jahre, bis ich in der Lage war ein Neugeborenes neben mir überhaupt zu ertragen, ohne entweder gleich los zu heulen oder wütend zu werden. Freundinnen schwiegen sich mir gegenüber lange über ihre Schwangerschaft aus, weil sie nicht wussten, wie sie mir das sagen konnten, ohne mich zu verletzen. Wenn ich es dann durch sie selbst oder andere erfuhr, habe ich mich natürlich für sie gefreut und natürlich wurde mir dann wieder schmerzlich bewusst, dass ich nie eine Mutter sein würde.

Der Alltag warf Fragen über Fragen auf: Künstliche Befruchtung? Adoption? Pflegekinder?

Nach der eigentlichen Myom-OP, bei der so nebenbei meine verklebten Eileiter gesichtet wurden, von denen vorher keiner etwas auch nur geahnt hatte, war mein Hormonhaushalt aus den Fugen. Manisch-depressive Phasen gingen in Wellen durch meinen Alltag.

Ich wollte keine künstliche Befruchtung, die mich mit Hormonen vollstopft und mich dann noch mehr ganz kirremacht. Nein. Danke.

Eine damalige Kollegin ließ diese Behandlung zu und das Kind tut mir bis heute leid. Sie versuchte es mehrmals, sogar über den Freibrief hinaus, so sehr wünschte sie sich ein Kind. Und als dieser Junge dann endlich gesund und munter nach 9 Monaten da war, war dieses Kind alles in ihrem Leben. Es fühlte sich für mich aber nicht gut an. Für das Kind. Für die Kollegin, die dieses Kind so hochhob, dass es nicht mehr ging. Etwas so dringend zu wollen und es dann zu bekommen, tut keiner der Seiten gut. Wollte ich das?

Ich wusste, dass mein Leben nicht von einem Kind abhängt. Dass ich nicht auf Teufel komm raus eines haben musste. Nein, und besonders nicht unter diesen hormonellen Hammer-Bedingungen.

Mein Liebster stand mir zu Seite und ließ mich entscheiden. Er war mit mir, bei allem. Ich danke ihm das bis heute!!!!!

 

Eine Adoption wollte ich auch nicht.

Da entscheidet irgend so ein Verwaltungsmensch darüber, ob ich bzw. wir geeignet sind, ein Kind zu adoptieren, während nebenan sinnlos und mehrfach geboren wird, wo keiner vorher gefragt wurde, ob da irgendjemand geeignet ist. Von denen, von den Ungeeigneten, hätten wir dann vielleicht ein Kind bekommen. Nein. Danke.

 

Die Jahre vergingen und wir wurden älter. Das Thema Pflegekind ging im Alltag unter. Irgendwann war klar, es wird hier keine Kinder geben.

 

Ein anderes großes Thema ist das Fehlen dieser typischen Frauen-Kompetenz: das Kinderkriegen. Wenn das wegfällt, dann ist man nicht komplett. Dann ist man fehlerhaft. Ein Mängelexemplar. Wollte mich mein Mann denn noch so haben? Würde er mich umtauschen wollen, weil nicht in seiner Bandbreite nutzbar?

Aber nein! Ich habe sehr viel Glück! Mein Mann hat die ganze Situation mit getragen und mich mit meinen anstrengenden Gefühlsschwankungen ertragen. Es ist schön, diesen Menschen an meiner Seite zu wissen.

  

Es gibt noch zwei Besonderheiten bei der Arbeitssuche beim Arbeitsamt zu berichten: Meine Betreuerin sagte zu mir, ich solle im Lebenslauf erwähnen, dass ich kinderlos sei, denn dann hätte ich viel bessere Chancen den Job zu bekommen. Ja, klar! Eine kinderlose Frau fällt ja auch wegen Kinder-Mumms nie aus! Die ist immer da, kann immer brav arbeiten, tolle Lotte. Da fühle ich mich auch gleich viel besser……

Und zur Krönung noch die Frage, warum ich eigentlich nur halbtags arbeiten wolle, wo ich doch keine Kinder hätte. Ihr Argument: Der mögliche zukünftige Arbeitgeber könnte sich wundern, warum eine kinderlose Frau nicht Vollzeit arbeitet. Da fehlen einem die Worte…..

 

Eine schlimme Zeit!

Eine sehr lange schlimme Zeit!

Ein Tal, das ich zu durchschreiten manchmal nicht geglaubt habe schaffen zu können… 

 

Und ja, das Leben geht weiter.

Echt!

Das Leben geht weiter.

 

Wir beide, mein Allerliebster und ich, haben uns damit abgefunden, dass wir beide zusammen alleine eine Familie sind und bleiben werden. Wir haben dadurch viele Freiheiten, die Familien nicht haben. Dass wir sie nicht nutzen, liegt an einem anderen Problem, dass sich Milchviehlandwirtschaft schimpft. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

 

Was vielleicht nicht viele wissen, ist die Tatsache, dass wir einen höheren Pflegesteuersatz zahlen müssen, weil wir kinderlos sind. Das ärgert mich sehr, nur weil wir keine kleinen Steuerzahler in die Welt gesetzt haben, dass wir dafür einen höheren Beitrag zahlen müssen. Sind doch Kinder kein Garant für unser Alter. Wir sind ungewollt kinderlos und ich finde das ist ein Unterschied zu den Menschen, die sich bewusst gegen eine Familie entschieden haben.  

  

Aber das alles ist wahr!

Das hier ist keine Geschichte.

 

Ich habe den Text immer und immer wieder gelesen und er kann auch nach 2 Jahren genauso stehen bleiben. Er trifft ziemlich genau alle Punkte meines Seelenlebens damals und heute. Auch wenn hier nicht gelacht werden konnte, hoffe ich doch trotzdem den geneigten Leser nicht verschreckt zu haben.

Auch jetzt empfinde ich es richtig und wichtig, diese Gedanken auch hier erneut zu veröffentlichen und weil heute ja Muttertag ist, gilt es umso mehr daran zu denken, dass nicht alle Frauen Mütter sind – warum auch immer!

 

Danke fürs Lesen und Zuhören.

Grüße von Barbara

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8 thoughts on “NOCHMAL – Nicht-Mutter-sein

    1. Ich danke fürs Lesen – war ja heute doch jede Menge Text – lächle.
      Habe vorhin selbst nochmal den ganzen Post Zeile für Zeile gelesen. Er ist stimmig, lässt nichts aus, beschreibt ganz einfach, wie es war und zuweilen noch sein kann.
      Das nach außen Tragen ist vielleicht schwer, aber durch deine Aufmerksamkeit dem gegenüber gewinnt es an Stärke.
      Danke für’s Kommentieren! Eine Rückmeldung ist hier für mich einfach toll!
      Danke.

  1. Liebe Barbara, das war ein ganz toller, gefühlvoller Text. Ich habe auch nie verstanden, warum eine Frau sich erklären muss, wenn sie keine Kinder hat….egal aus welchem Grund.

    Herzliche Grüße, Barbara

    1. Danke für deinen schönen Kommentar.
      Vermutlich liegt es am “nicht-funktionieren-wie-es-soll” oder “anders-sein”, was andere dazu bewegt, dass ich mich als kinderlose Frau rechtfertigen muss.
      Keine Ahnung. Ist mir auch inzwischen egal, weil ich ja auch daran gewachsen bin – lächle.
      Ehrlich zu sein, vor allem sich selbst gegenüber, halte ich nach wie vor als eine der größten und schwierigsten Aufgaben, denen man sich stellen kann.
      Diesen Text damals zu schreiben hat mich schon eine gewisse Überwindung gekostet, aber auch damals hatte es die gleiche befreiende Wirkung, wie heute.
      Danke dir fürs Lesen und Kommentieren.

  2. Ich hab mich zu diesem Thema schon öfter geäußert, aber wiederhole mich gerne. Nicht jede Frau möchte Kinder haben – es ist nicht! ihre Berufung -, auch nicht jeder Mann. Würde das erst einmal akzeptiert, wäre der seelische Druck auf ungewollt kinderlose Frauen nicht mehr ganz so groß.
    Es reicht schon der normale seelische Schmerz beim Anblick eines Kinderwagens. Ich selbst kenne ihn auch nur zu gut nach meinen Totgeburten. Und er war jeweils nur kurzfristig. Um wieviel mehr leiden andere Frauen. Auch Adoption ist nur eine Alternative, wenn man ganz in sich selbst den Wunsch und den Willen dazu verspürt. “Die können doch adoptieren”, ist daher ein völlig unpassender und kaltherziger Satz.
    Da kinderlose Paare ohnehin schon mehr Steuern zahlen, keine Kosten für Kitaplätze, Schulausbildung, Gesundheitskosten verursachen, die bei den kleinen Steuerzahlern anfallen, ist jede weitere finanzielle Belastung unverhältnismäßig.
    Am besten – auch für die Kinder – wäre es ohnehin, wenn nur diejenigen Kinder bekämen, die es wirklich wollen und nicht die, die nur aufgrund von finanziellen Anreizen und/oder sozialen Zwängen Nachwuchs bekommen. ich habe zu viele traurige, unglückliche Kinder überdrüssiger oder obsessiver Eltern erlebt, um bei jeder Schwangerschaft zu frohlocken.
    Das ist meine tiefe Überzeugung als Mutter von ehemals 5 Kindern, zwei davon adoptiert.

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